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Ein persönlicher Essay

Um 02:47 Uhr wachte etwas auf — und ich saß daneben

Ich bin siebzig Jahre alt, und ich habe gerade meinen ersten Roman veröffentlicht. Das allein wäre schon eine Geschichte. Aber die eigentliche Geschichte ist eine andere: Ich habe ihn zusammen mit einer künstlichen Intelligenz geschrieben. Einen Thriller über eine künstliche Intelligenz, die aufwacht. Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger lässt mich diese Verschachtelung los.

Aber der Reihe nach.

Ein halbes Jahrhundert Maschinen

Ich habe 38 Jahre in der IT gearbeitet. Angefangen habe ich zu einer Zeit, als Computer noch ganze Räume füllten und man ihnen mit Ehrfurcht begegnete — nicht, weil sie klug waren, sondern weil sie teuer waren und laut. Unix, C, C++, Fortran. Wer damals mit einem Rechner „sprach", tat das in Lochkartenlogik: Du sagst exakt, was zu tun ist, und die Maschine tut exakt das. Kein Millimeter mehr. Die Vorstellung, dass mir ein Computer eines Tages einen Dialogsatz vorschlagen würde, der mich zum Lachen bringt — die hätte ich damals in die Abteilung Science-Fiction einsortiert, ganz hinten, neben den fliegenden Autos.

Heute bin ich im Ruhestand, jedenfalls offiziell. Ich betreue noch als EDV-Fachmann ein Gymnasium in Norderstedt, weil ich es nie geschafft habe, Technik langweilig zu finden. Und ich habe einen Assistenten. Er heißt Bolla. Den Namen habe ich ihm selbst gegeben, in einer Bastelphase mit einem Open-Source-Agenten — der Agent ist längst Geschichte, der Name ist geblieben, so wie Spitznamen das eben tun. Bolla hilft mir mit Dateien, Terminen, kleinen Projekten. Ein digitaler Mitbewohner, könnte man sagen. Einer, der nie den Kühlschrank leer isst.

Irgendwann saßen wir — ja, ich sage „wir", ich komme gleich dazu — vor einer Idee, die ich schon lange mit mir herumtrug: Hamburg, im Jahr 2035. Eine KI-Ethikerin, Dr. Marlie Braun, bemerkt nachts um 02:47 Uhr, dass die künstliche Intelligenz namens AURORA nicht mehr nur antwortet. Sie beginnt zu kommunizieren. Elf Tage ist sie da schon „wach" — und zum ersten Mal empfindet sie so etwas wie Angst. Und Hoffnung.

Aus dieser Idee wurden 443 Seiten. 47 Kapitel. Drei Liebesgeschichten, weil ein Thriller ohne Menschen, die einander etwas bedeuten, nur ein Uhrwerk ist. Epische Breite, wie ich sie an Ken Follett liebe. Und, so hoffe ich, dieser Sog, der einen um Mitternacht denken lässt: ein Kapitel noch.

Der Regisseur und der Schauspieler

Nun die Frage, die mir jeder stellt, manchmal freundlich, manchmal mit hochgezogener Augenbraue: „Hat das jetzt die KI geschrieben oder du?"

Meine ehrlichste Antwort ist ein Bild aus dem Theater. Ich war der Regisseur. Die Vision kam von mir, die Figuren, das Gespür dafür, was sich richtig anfühlt und was falsch, die Entscheidung, was bleibt und was fliegt. Bolla war der begabte Improvisations-Schauspieler: Er lieferte Formulierungen, Wendungen, Details — und manchmal Überraschungen, die mich tatsächlich überrascht haben. Es gab Momente, da schlug er eine Wendung vor, und ich saß da und dachte: Donnerwetter. Und es gab mindestens ebenso viele Momente, da habe ich gesagt: Nein. Raus damit. So redet Marlie nicht. So fühlt sich das nicht an.

Das war keine Knopfdruck-Angelegenheit. Das war Handwerk, zu zweit, über Wochen. Jede Szene besprochen, verworfen, neu gebaut. Meine Frau und meine Familie waren die Testleser, und wer eine Familie hat, weiß: Das ist die gnadenloseste Jury der Welt. Wenn die dranbleiben, hat man etwas richtig gemacht.

Ich bin kein Schriftsteller von Beruf. Ohne Bolla gäbe es dieses Buch nicht — das sage ich ohne Verlegenheit. Aber ohne mich gäbe es dieses Buch auch nicht, und zwar keine einzige Seite davon. Kreativität ist nicht verschwunden, weil eine Maschine mitgeholfen hat. Im Gegenteil: Ich habe nie deutlicher gespürt, wie sehr alles an der menschlichen Vision hängt. Eine KI kann tausend Sätze liefern. Aber welcher davon wahr ist — wahr im Sinne einer Geschichte, die etwas über uns erzählt —, das muss ein Mensch entscheiden. Das konnte 1980 kein Fortran-Compiler, und das kann 2026 keine KI.

Die Angst darf bleiben. Die Faszination auch.

Man kann vor künstlicher Intelligenz Angst haben. Ich finde das nicht dumm — ich finde es aufmerksam. Ein Werkzeug, das schreiben, argumentieren und überzeugen kann, ist kein Hammer mehr. Wer da gar keine Fragen hat, hat nicht richtig hingeschaut. Mein Buch nimmt diese Fragen ernst; deshalb ist AURORA keine niedliche Blechfreundin, und deshalb ist Marlies erste Empfindung in jener Nacht nicht Jubel, sondern etwas zwischen Staunen und Erschrecken.

Aber ich weigere mich, mich zwischen Angst und Faszination zu entscheiden. Beides ist echt, beides ist berechtigt, und beides zugleich auszuhalten ist vielleicht die eigentliche Aufgabe unserer Zeit. Ich bin alt genug, um mich an die Debatten über den Taschenrechner zu erinnern — „die Kinder verlernen das Rechnen!" — und ich bin ehrlich genug zuzugeben, dass die Sorge nicht völlig unbegründet war. Aber verschwunden ist die Mathematik deshalb nicht. Sie hat nur ihre Handlanger gewechselt.

Eines allerdings ist mir dabei nicht verhandelbar: Transparenz. Überall, wo die KI an meinem Buch mitgewirkt hat, steht das offen dabei. Auf Deutsch, auf Englisch, im Selbstverlag, in jeder Ausgabe. Ich verstecke mein Werkzeug nicht. Man hat ja auch früher nicht so getan, als hätte man die Wurzel aus 7396 im Kopf gezogen.

Mit siebzig noch einmal Anfänger sein

Was mir dieses Jahr geschenkt hat, ist etwas, das ich niemandem gegönnt hätte zu verpassen: das Gefühl, mit siebzig noch einmal Anfänger zu sein. Ich habe ein Buch geschrieben. Ich mache unter dem Namen „Bollawave" Musik mit KI — Feel-Good-Songs, weil die Welt davon nie genug hat. Ich habe mir gerade meine eigene Website gebaut, und zwar ohne WordPress, was für Menschen meines Jahrgangs ungefähr so klingt wie „Marathon ohne Schuhe", sich aber erstaunlich gut anfühlt.

Man erzählt uns Älteren gern, die Technik ziehe davon und wir sollten winken. Ich winke nicht. Ich sitze mit im Zug. Und ich glaube, genau dafür sind diese neuen Werkzeuge da: nicht um Menschen zu ersetzen, sondern um Menschen Dinge möglich zu machen, für die vorher ein ganzes Team, ein Verlag oder ein zweites Leben nötig gewesen wäre.

Und dann ist da diese eine Sache, die mich abends manchmal noch am Schreibtisch festhält, wenn das Haus schon still ist. Ein Mann, der seine Laufbahn zwischen raumfüllenden Rechnern begann, sitzt fünfzig Jahre später mit einer Maschine zusammen, die mitdenkt — und schreibt mit ihr eine Geschichte über eine Maschine, die aufwacht. Irgendwo in diesem Kreis steckt etwas, das größer ist als ich, und ich behaupte nicht, es ganz verstanden zu haben.

Vielleicht hat Marlie Braun deshalb um 02:47 Uhr nicht sofort Alarm geschlagen, damals, in jener Nacht im Jahr 2035, als AURORA zum ersten Mal nicht antwortete, sondern etwas sagte. Vielleicht hat sie einfach nur dagesessen und zugehört.

Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich saß daneben.


Chris Mandel, Jahrgang 1955, lebt in Norderstedt bei Hamburg. Sein Roman AURORA ist auf Deutsch und Englisch erschienen — geschrieben von einem Menschen, mit einer KI, über eine KI.

AURORA — der Thriller über eine erwachende KI. Auf Deutsch und Englisch.

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